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Alltagsgeschichten

Trinkhalle, Kiosk oder Bude – Kindheitserinnerungen zum Tag der Trinkhallen

Samstag war Tag der Trinkhallen. Trinkhallen… „Gehe er mal zur Trinkhalle und hole er mir ein Bier“, oder wat? Blödsinn. „Geh ma anne Bude…“ So is richtig.

Wieso jetzt Trinkhalle?

Naja, der Rest der Welt soll schließlich verstehen, worum es hier geht.
Bisken Geschichte gefällig? Biddeschön: Der Begriff Trinkhalle stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und geht, hört hört, auf den Verkauf von nicht-alkoholischen Getränken zur Bekämpfung der Trunksucht zurück.

Nach der Maloche wurde der Durst üblicherweise und völlig korrekt mit Bier gelöscht. Und auch mal nem Schnäpsken. Ist erstmal nix dagegen einzuwenden. Bürgertum und Fabrikbesitzer machten sich aber sowas von Sorgen, dass die Malocher der Trunksucht anheimfallen könnten, sodass fix kleine Verkaufsbuden errichtet wurden, an denen Wasser bzw. Selters ausgeschenkt wurde. Deshalb: aufgemerkt!!! Seltersbude! Was mit dem Verkauf von Wasser anfing, entwickelte sich zu dem, was es heute ist – ne Bude an der du von Wasser, Cola, Bier über Klümmkes, Eis und Zeitungen quasi alles bekommst. Nur einen Termin beim Facharzt nicht. Das wäre dann wirklich übernatürlich.

In meiner Kindheit gab’s nur Buden

In meiner Kindheit gab es gefühlt an jeder Ecke eine Bude. Taktisch günstig gelegen immer auf dem Weg zur Arbeit. Auf dem Hinweg eben ein paar Brötchen, Kippen und die Bild-Zeitung gekauft, auf dem Rückweg mit den Kumpels noch schnell ein Feierabendbier zischen. Idealerweise mit ner Zündkerze in Begleitung.

Zündkerze? Kennste nicht? Na kuck mal – gibt jetzt sogar ne kleine Quizeinlage auf meinem Blog. Schreib’s in die Kommentare, wenn du es rausgefunden hast. Gewinnen kannste aber nix. Schade.

Die Eltern von meinem Kumpel hatten auch ne Bude. In der stand überwiegend seine Mutter, übrigens immer mit Kittelschürze, während sein Vater auf Grillo Funke malochte. Wenn ich so darüber nachdenke – ich kenn seine Mutter eigentlich nicht ohne Kittelschürze. Keine Ahnung, ob die noch andere Klamotten hatte.

Egal – jedenfalls haben wir da immer mal ausgeholfen. Diese Bude war, wie die meisten, klein, seeeeehr eng und vollgestopft. Da hast du alles bekommen – Bier, Selters, Tabak, Zeitungen, Klümmkes und und und.
Nervig war, wenn die Blagen kamen und für 10 Pfennig von den Roten, für 20 Pfennig von den Lila usw. haben wollten. Topseller waren die Klümmkes für 1-2 Pfennige. Da war man echt beschäftigt. Aber hatten wir als Blagen ja auch nicht anders gemacht. Nur als Jugendlicher haste da keinen Bock drauf. Da nervt einen quasi alles. Aber wir waren jung und brauchten das Geld …
Oder Zigaretten. Zigaretten gab es auch einzeln zu kaufen. „Junge tu mich mal 3 vonne Ecksteins.“

Unterwegs beim Tag der Trinkhallen in Essen

Heute gibt es leider nicht mehr so viele Trinkhallen (oh wie vornehm). Ein Grund mehr, um am Tag der Trinkhallen mal ein paar abzuklappern, auch wenn unsere Zeit an diesem Samstag aus Gründen sehr knapp war.


Wir entschieden uns für zwei, die von diesem Velbert aus schnell zu erreichen waren. Die Wahl fiel auf eine Bude in Essen-Bredeney und eine in Rüttenscheid.
Für die, die diese Essener Stadtteile nicht kennen, sei gesagt, dass es sich hier um sog. „bessere“ Stadtteile handelt. Wer es sich leisten kann, wohnt nämlich gerne im Essener Süden. Ein krasser Unterschied zum Essener Norden, was jetzt nicht als Wertung missverstanden werden soll.

Bredeney -Sternekoch, Sekt und lautes Gedudel

Bei der Trinkhalle, ich sag jetzt mal ganz bewusst Trinkhalle, hat man sich ordentlich ins Zeug gelegt. Ein Foodtruck vor der Halle, in der ein Sternekoch dem geneigten Publikum Häppchen kredenzte, Sekt, Snacks, Bratwurst für 5 € (geht‘s noch?) und ne Band, die chillige jazzartige Musik vortrug. Natürlich so laut, dass eine Unterhaltung kaum möglich war. Nee, lass mal stecken, nix für uns.

Sehr schön war allerdings, dass ich meinen alten Arbeitskumpel Wolfgang mit seiner Frau getroffen hatte, der ganz fasziniert dem Gedudel zuhörte. Fand er gut, meinte, es würde sich ein wenig wie Vangelis früher anhören. Naja, ist ja auch nicht mehr der Jüngste. Egal, nachdem wir uns unterhaltungstechnisch eine Zeit lang angebrüllt hatten, ging es weiter zu Bude Nr. 2 in Rüttenscheid.

Rüttenscheid – Fußball-Talk und Bierchen mit der Nachbarschaft

Das ist so eine Nachbarschaftsbude. Mitten in einer Häuserzeile. Und die hatten auch ordentlich Programm: „Kick und Quatsch“ – bekannte Podcaster von Reviersport präsentierten Fußball-Talk und Quiz. Den Musikkabarettisten Christian Hirdes und den Cartoonisten Oli Hilbring konnten wir leider nicht mehr erleben. Die Nachbarschaft saß gemütlich zusammen beim Bierchen und lauschte. Kein Gedudel, das einem die Ohren wegbläst.

Unser Fazit zum Trinkhallentag


Der Tag der Trinkhallen wird ja von jeder teilnehmenden Bude selbst organisiert und gestaltet. Ganz so wie es gefällt. Und jeder macht das anders. Aber das Schickimicki-Getue war überhaupt nicht unsers. Hatten wir allerdings aber auch allein schon wegen der Lage „befürchtet“. Aber das ist unsere ganz persönliche Meinung. Den Menschen aus dem Viertel wird es mit Sicherheit gefallen haben, und darauf kommt es schließlich an.
Die zweite Bude hatte da schon eher unseren Nerv getroffen.

In zwei Jahren pilgern wir in den Essener Norden oder nach Gelsenkirchen. Anne Ecke bei die Bude … weisse Bescheid, ne?

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Martin Pesch

Martin Pesch - Blogger, Fotograf und Autor. Ruheständler mit Reiselust und Hang zu kreativen Eskapaden. Mit Beginn des Ruhestands habe ich nun Zeit und Lust mein Leben in Worte zu fassen. Früher war mehr Dia-Abend, heute mehr Blog.

One Comment

  • Peter Lohren

    Zündkerze ist der Begriff für den fürchterlichsten Schnaps, den es gibt. Underberg schmeckt in etwas wie Sauerländer Jauche. Trotzdem schön die Erinnerungen. Büdkes gab es bei uns zwar nicht, dafür konntest du an vielen privaten Haushalten Bier kaufen. Hausverkauf nannte sich das und wurde von den Brauereien ordentlich gesponsert. Die Einkaufszeiten waren ja begrenz, spätestens um 18.00 Uhr war Feierabend und Samstags gab’s um 12.00 Uhr nichts mehr – auch kein Bier. Allerdings in jeder zweiten Straße den Hausverkauf, da konnte man auch Samstags bis in den frühenn Abend Bier kaufen. 🙂

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