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Großer dreidimensionaler Sevilla-Schriftzug mit Polka-Dot-Muster und rotem Herz mit Aufschrift “Feria de Abril” vor den Setas de Sevilla
Unterwegs

Sevilla – die Stadt die ewig quietscht

Mein Bedarf an Flugreisen ist für die nächste Zeit gedeckt. Wecken um 0300, Abfahrt zum Flughafen um 0400. Auto auf dem Parkplatz abgestellt, Abtransport zum Flughafen durch den Parkplatzbetreiber. Die Lieblingsfrau ist aufgeregt. Immer wenn sie aufgeregt ist, hat sie Redebedarf. Aber auch, wenn sie mal etwas mehr getrunken haben sollte. Ich hab mich schwer getan zu antworten. Uhrzeit und Sprechfähigkeit sind noch nicht im Einklang miteinander. Sie weiß das, redet aber trotzdem auf mich ein. Ich weiß, dass sie trotzdem weiterredet. Ich mache ein freundliches Gesicht. Das reicht. Wir harmonieren sehr gut miteinander.

Im Flughafen, stundenlanges Schlange stehen und am Gate rumlungern, nur um anschließend wie ein gerupftes Huhn in eine flugfähige Legebatterie gequetscht zu werden.

Anreise-Blues und olfaktorische Erlebnisse in der Legebatterie

In der Reihe vor uns ein Ehepaar. Es hat zwei Kleinstkinder mit auf den Flug genommen. Vor lauter Freude über den Start, haben die Blagen unter lautem Gebrüll erstmal ihre Windeln bis zum Eichstrich befüllt. So meine Geruchsexpertise. Die Eltern, offensichtlich zufrieden mit der Leistung ihrer Kleinsten, hatten überhaupt keine Eile, die Dinger zu wechseln.

Gelegentliche Geruchsproben zögerten die Entscheidung zum Wechseln immer wieder hinaus. Ich hielt mich bewußt zurück, obwohl der Druck im Kessel anstieg. Müdigkeit und eventuelle Widerworte können um diese Zeit nur zu unnötigen Eskalationen führen. Erst als ihnen selbst das olfaktorische Erlebnis zu viel wurde, bequemte man sich in den Waschraum. Vielen Dank, geht doch.

Die Assimilation beginnt: Ankunft in der quietschenden Altstadt

Sevilla entschädigte nach der Ankunft sofort. Mit dem Uber direkt zu unserem Appartement mitten in der Altstadt. Die Altstadt ist genau so, wie man sich eine Altstadt vorstellt. Enge Gassen, Häuser im typisch andalusisch-mediterranem Stil und gefühlt an jeder zweiten Ecke eine Tapas-Bar oder ein Café. Touristen, Einheimische und Autos quetschen sich durch die engen Gassen aber alle sind entspannt. Wir werden von der Stadt assimiliert und sind sofort ein Teil von ihr.

Und es quietscht. Überall. Jedes Auto, jeder Fußgänger quietscht. Das Pflaster auf der Fahrbahn und auch auf dem Gehweg ist spiegelglatt poliert. Jeder Schritt, jede Lenkbewegung löst ein ordentliches Quietschen aus.

Der Verkehr in der Altstadt hält sich wegen der engen Gassen selbstverständlich nicht in Grenzen. Warum auch. Überall ist ein Durchkommen. Man muss es nur wollen. Und wollen will das jeder. Auch die Lkw. So rennst du zusammen mit anderen Touris quietschend durch die engen Gassen, Autos quietschen sich um die Ecke und wird es etwas enger (wird es oft) quetscht du dich quietschend an die Hauswand und ziehst den Bauch ein. Passt schon.

Die drei Fußgängerzonen sind in der Regel autofrei. Wer shoppen will, kann das ganz hervorragend. Nicht nur den üblichen Touristentinneff. Klamottentechnisch liegen die da auch ganz weit vorne. Und wer was ganz besonderes will, der wird auch fündig.

Logistik im Ruhestand: Warum das Appartement das bessere Hotel ist

Wir hatten uns für ein Appartement entschieden. Morgendliche Hektik verhagelt mir meistens den Tag. In Ruhe Kaffee trinken, Zeitung lesen muss sein. Kannste im Hotel vergessen. Aufstehen, duschen, anziehen, ab zum Frühstück. Nix für uns. Zwangsweise stellte sich dann die Frage: woher kommt die Verpflegung? War schnell geklärt, denn – jetzt fein aufgepasst: Ein paar Straßen weiter gab es einen Aldi. Mit spanischem Aldi-Zeugs. Zack – läuft.

Modernes Hotelzimmer oder Ferienapartment mit hellem Wohnbereich, Bogenfenstern mit Blick auf spanische Dachziegel, abstraktem Wandbild und zeitgenössischer Einrichtung

Beim Essen ticken die Uhren in Spanien ganz anders. Bis gegen 19:30 Uhr bin ich gerne damit durch. Keine Chance in Sevilla. Da öffnen die Restaurants erst um 20:00 Uhr. Bevor wir dann was auf der Gabel haben, ist es 20:30 / 21:00 Uhr. Nix für uns. Plan B: die Restaurants haben auch von 13:00 bis 16:00 Uhr geöffnet. Also spätes Mittagessen. Abends ggf. noch ne Kniffte oder ein paar Tapas auf die Hand. Passt.

Draussen im Stehen essen soll übrigens günstiger sein als drinnen im Sitzen und noch günstiger als draussen im Sitzen. Keine Ahnung ob das stimmt. Hab ich Hunger, will ich essen. Im Stehen, im Sitzen drinnen oder draussen – egal.

Tagsüber sind Innenstadt und Altstadt voll. Abends voller. Geht anscheinend immer noch ein wenig mehr. Ob niemand zu Hause kocht? Alle gehen essen. Aber nicht lautlos. Obwohl ich Menschenansammlungen nicht mag, fand ich es hier nicht unangenehm. Als ob ich Teil dieses besonderen Universums wäre.

Blick durch den Arkadengang der Plaza de España in Sevilla auf den weitläufigen Platz mit Brunnen, Besuchern und dem Hauptgebäude unter blauem Himmel mit Wolken

Unterhalten sich Spanier, dann laut. Jeder versucht laut zu sprechen. Muss man ja auch. Verstehst dein eigenes Wort ja nicht, wenn die anderen immer so rumbrüllen. Mit Händen und Füßen wird geredet. Mediterranes Lebensgefühl.

Genauso wie die Italiener. Die können auch laut. Spanisch und Italienisch klingt für meine Ohren immer sehr schön. Ich mag diese Sprachen. Französisch eher nicht so. Das klingt mir zu gestelzt. Andersrum, wenn Franzosen Deutsch sprechen, klingt das wieder interessant. Die lustigste Sprache ist für mich allerdings Niederländisch. Ist auch gar nicht soooo schwer. Kein Vergleich zu Spanisch, Italienisch oder Französisch. Ich komm ins fabulieren. Egal.

Zwischen Tradition, Protest und Selfie-Wahn

Was ich sagen will – besonders voll war es am Samstag nach dem Stierkampf. Die Stierkampfarena befindet sich ebenfalls in der Altstadt. Hat sogar ein eigenes Viertel drumherum. Diesen Ort zu besichtigen hatten wir uns geschenkt. Absolut kein Bedarf.

Tradition hin oder her. Tiere zur Unterhaltung quälen und töten – nein danke. Nix für uns. Der Widerstand, der sich wohl inzwischen in Teilen der Bevölkerung regt, ist recht groß. Denn am Abend der Veranstaltung gab es lautstarke Proteste. Wie offensichtlich bei jeder Veranstaltung. Ein großer, extrem lauter Protestzug schlängelte sich durch die Altstadt um auf das Leiden der Tiere aufmerksam zu machen. Das gefiel uns wiederum ausgesprochen gut.

Wie dem auch sei, neben den allgegenwärtigen Tapas Bars gibt es auch noch kulinarisch ungewöhnliches. Beispielsweise das holländische Restaurant Los Tulipanes oder dieses völlig abgefahrenes Manga Restaurant Buga Ramen. Ziemlich schräg. Wir entschieden uns für Buga Ramen. Das Essen war so „naja“ aber die Atmosphäre schon witzig.

Buntes Interieur eines Yakitori-Restaurants mit Neonlichtern, Anime-Kunstdrucken, Daruma-Laternen und japanischen Dekorationselementen in mehrgeschossigen Regalen

Die zentrale Lage unseres Appartements machte es einfach, alle Sehenswürdigkeiten zu Fuß besuchen, die man besuchen muss, wenn man in der Stadt ist. Kathedrale, Alcazar, Plaza de Espana usw. War ein recht strammes Programm. Die Altstadt ist übrigens alles andere als übersichtlich. Fast 4 qkm. Eine der größten Europas. Am Ende des Tages wissen das auch die Füße.

Streetfotografie in Sevilla: Ein Eldorado auch für das iPhone

Fotografisch war Sevilla für mich das absolute Eldorado, auch wenn ich nur mein iPhone dabei hatte. Damit meine ich jetzt nicht die Abknipserei der Sehenswürdigkeiten. Hab ich natürlich auch gemacht. Vielmehr in Sachen Streetfotografie und Architektur. So viele dankbare Motive. Alle im Selfie-Wahn. Total bekloppt. Könnte ich wie ich wollte, wäre ich jetzt noch da.

Zwei junge Frauen auf einem historischen Balkon mit verwitterter Steinsäule – eine fotografiert, die andere posiert in der Fensternische, Sevilla

Obwohl – manchmal ging mir das auch auf den Sack. Muss man in der Kathedrale in Selfiemanier mit bescheuerter Kussmundfratze und Victory-Zeichen posieren und dabei versuchen besonders dämlich auszusehen? Nur damit andere Idioten einem ein Like bei Instagram bescheren? Nein muss man nicht, finde ich. Ein wenig Respekt sollte man sakralen Dingen schon entgegenbringen, auch wenn man mit Religion nix am Hut hat. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Spanier, die vor jedem Kreuz und vor jeder Marienstatue niederknien und sich bekreuzigen, dass auch nicht toll finden. Aber was weiß ich schon. Ich alter weißer Mann bin vermutlich einfach zu intolerant. Egal.

Das pulsierende Leben, das permanente Gewusel, die vielen Eindrücke die auf einen niederprasseln – all das lässt die Zeit vergessen und schwups waren 6 Tage rum. Sechs Tage die es in sich hatten. Jede Menge Eindrücke, viel gestaunt, viel genossen. Zu Hause ist es verdächtig still. Kein Quietschen. Fast schade.

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Martin

Ruheständler mit Reiselust und Hang zu kreativen Eskapaden. Mit Beginn des Ruhestands habe ich nun Zeit und Lust mein Leben in Worte zu fassen. Früher war mehr Dia-Abend, heute mehr Blog.

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