Mastodon
Genervter Mann sitzt beim Reifenwechsel im Toyota-Autohaus in Velbert im Wartebereich, während Mitarbeiter ihn lachend „Herr Steinfurth“ nennen.
Alltagsgeschichten

Die Krawinkel Verschwörung

Ich bin wieder zu spät. Eigentlich bin ich selten zu spät. In dieser Sache allerdings regelmäßig. Je näher das Ende des Winters kommt, desto mehr Dinge schwirren in meinem Kopf herum, die ich mit Beginn des Frühjahrs machen will. Sind die berühmten R-Monate rum, fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren: Mensch, du hast ja noch die Winterreifen drauf.

Ich rief den Autohändler an, in dessen Lager schon Generationen von Reifen aller Autos meines Schwiegervaters Unterschlupf fanden. Mein Schwiegervater war einer der ersten Kunden dieses Toyota-Autohauses, als es in Velbert öffnete. Damals wurde für verrückt gehalten, wer sich so eine japanische Reisschüssel kaufte. Ihm war das egal. Ungefähr alle drei Jahre gab es einen „Neuen“. Regelmäßige Inspektionen, Winterreifen nebst Premium Einlagerung selbstverständlich. Er gehört inzwischen quasi zum Inventar. Vielleicht wurde er auch schon von der Familie des Inhabers adoptiert. Man weiß es nicht.

Seit letztem Jahr fahren wir nun das Papamobil. Ein weißer Toyota Verso, Knüppelschaltung, 10 Jahre alt, 45.000 km auf der Uhr. Mit Klimaanlage und Zentralverriegelung – immerhin. Nach langem Zureden konnten wir ihn endlich davon überzeugen, dass Autofahren mit 94 Jahren in manchen Situationen suboptimal sein könnte. Es waren zähe Verhandlungen. Aber schließlich gab er auf. Einen eigenen Chaffeur zu haben genießt er inzwischen sehr.

Ich meldete mich also am Telefon, so wie es sich gehört, mit meinem Namen, bitte um einem zeitnahen Termin.

„Ach, hallo Herr Krawinkel. Da sind sie aber spät dran in diesem Jahr. Das kennen wir ja überhaupt nicht von ihnen. Na da krieg ich sie bestimmt noch irgendwie dazwischen, wenn sie wissen was ich meine … hihi..“

„Ich äh … bin der Schwiegersohn. Meinen Namen nannte ich ihnen ja gerade. Das Kundenkonto läuft noch auf den Namen Krawinkel.“

„Ja kein Problem. Passt das nächsten Dienstag? 11:30 Uhr? Wieder Premiumeinlagerung?“

„Ja passt, die Reifen nehm ich aber mit.“

„Prima. Dann bis Dienstag Herr Krawinkel. Auf Wiedersehen Herr Krawinkel.“

„Ich … ja tschüß.“

Fünf Minuten vor dem Termin fuhr ich auf den Parkplatz. Bei sowas bin ich nie zu spät. Eher zu früh. Viel los war da nicht. Aus der Werkstatt hörte man nichts und Parkplätze waren noch genug frei.

Es ist ein recht kleines Autohaus. Völlig ausreichend für dieses Velbert. Eine Handvoll Gebrauchtwagen draußen, drinnen 4 Neufahrzeuge. Rechts vom Eingang der Empfangstresen, daneben zwei Schreibtische für die Reparaturannahme. Irgendwo hinten 2 kleine Büros, in der Mitte des Verkaufsraumes ein Wartebereich. Alles ist in einem Raum. Alles übersichtlich.

„Ah Herr Krawinkel, kann sofort losgehen.“ höre ich eine Stimme sagen. Bei genauerem Hinsehen erkenne ich ein kleine, dralle Frau mit voluminös toupierter blonder Mähne hinterm Tresen. 

„Ich bin der Schwiegersohn. Sagte ich doch schon am Telefon. Oder sehe ich aus wie mein Schwiegervater? Das wär ja mal was. Achtung Achtung Verwechselungsgefahr – jetzt aber mal ganz genau hinkucken. Einer 95, der andere 63 und beide sehen gleich aus. Sachen gibt’s. Wäre für mich dann allerdings blöd.“

„Ja ja, Kollege kümmert sich sofort.“

„Dann geben sie mir mal den Schlüssel, Herr Krawinkel.“sagt ein Mechaniker zu mir.

„Mein Name ist …“ ach drauf geschissen, denke ich mir und geb ihm den Schlüssel. Die beiden Vögel hinter den Schreibtischen nicken zustimmend und grinsen mich an.

Kucke mir die Autos an, die im Verkaufsraum rumstehen. Scheint ja nur noch Elektrokarren zu geben. Ein Auto gefällt mir tatsächlich ganz gut. Recht groß, und von innen sehr spacig. Ich mag diesen Look. So, als wenn ich im Flugzeug sitze. Oder im Rauschiff. Viele Lichter. Viele Knöppe. Der Preis scheint mir auch ok, vermute aber, dass das bestimmt ein Lockangebot ist. Kennt man ja. Augen auf beim Autokauf. Nirgendwo wirst du so abgezockt wie beim Autokauf. Autokauf ist für mich immer der Horror. Hab da nie Bock zu. Der ganzen Verkäuferbande traue ich sowieso nicht.

„Ist schon ein ziemlich tolles Auto, für das sie sich da interessieren, Herr Krawinkel. Haben sie Fragen? Ich bin ihnen gerne behilflich.“

Drehe mich um und da steht er: Der Verkäufer. Jung, dynamisch, schicker Anzug, gegeelte Haare, eloquent aufgesetztes Lächeln. Nicht mit mir Bürschken, denke ich. So fangen wir gar nicht erst an. 

„Nee ich kuck nur.“

„Wenn sie wollen können sie sehr gerne ein Probefahrt machen. Exakt dieses Modell haben wir im Moment angemeldet. Sie haben ja noch Zeit.“

„Nee ich kuck nur.“

„Ist wirklich kein Ding. Da kriegen sie die Wartezeit besser rum.“

„ICH KUCK NUR!“ Leck mich am Arsch, was versteht der Vogel an „ich kuck nur“ nicht?

„Alles klar Herr Krawinkel. War ja nur ein Angebot.“

„Und außerdem heiße ich nicht Krawinkel. Sich nen anderen Namen zu merken kann doch nicht so schwer sein. Ist doch keine Raketenwissenschaft.“ 

Lasse den Vogel stehen und gehe zum Wartebereich. Kaffee gibt es hier wenigstens für lau. Zum Glück hab ich ein Buch dabei. Neben mir sitzt noch jemand. Wälzt Prospekte und trinkt Kaffee. Wartet wohl auch auf sein Auto. Sollen se dem doch auf den Sack gehen. Warum mir?

„Krawinkel? Haben sie mal bei EMKA gearbeitet?“ fragt er mich und legt das Prospekt zu Seite.

„Lass sein Kollege. Ich heiße nicht Krawinkel.“ raunze ich ihn an. Entschuldigend hebt er die Hand. „Tut mir leid. Wollte sie nicht verärgern.“ „Schon gut.“ sage ich. „Die gehen mir hier gerade ziemlich auf den Sack. Entweder wollen oder können die nicht kapieren, dass ich nicht Krawinkel heiße. So blöd kann man doch eigentlich nicht sein.“

Die anschließende Wartezeit verbringe ich ungestört mit meinem Buch und einer Tasse Kaffee. Das Buch, das ich mir mitgenommen hatte, hat übrigens den Titel „Das Buch vom Meer.“ von Morten A. Stroksnes. Ganz famos. Es geht darum, wie zwei Freunde im Schlauchboot losziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen. Mit ner Angel selbstverständlich. Wie auch sonst? Da denke ich mir, was muss das wohl für einen Angel sein? So’n Hai wird ja schon einiges wiegen. Na, die haben ja Nerven. Eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. 

„Füüüür K raaaawinkel…“ Die toupierte Blondine steht hinterm Anmeldetresen und winkt mit dem Autoschlüssel. Sofort bekomme ich Puls.

„Mit Premiumeinlagerung wollten sie ja diesmal nicht. Dann macht das heute 29,90.“ 

Bezahle wortlos, nehme die Rechnung und gehe.

„Wiedersehen Herr Krawinkel. Beim nächsten Mal aber nicht so lange warten.“

Ich drehe mich um und blicke in die Gesichter der versammelten Mannschaft. Die Anmeldefrau, die Typen hinter den Schreibtischen und der Mechaniker. Alle stehen sie da. Wie bestellt und nicht abgeholt. Will etwas sagen, entscheide mich aber dagegen und gehe einfach raus. Auf dem Parkplatz werfe ich nochmal einen grimmigen Blick durch die große Scheibe zum Verkaufsraum. 

Sie lachen. Alle lachen sie. Hauen sich dabei auf die Schenkel. Verdammte Sacknasen. Na wartet Freunde…noch sind wir nicht fertig. Noch ist hier nicht zu Ende gelacht. Sobald die R-Monate anfangen, stehe ich mit den Winterreifen bei euch auf der Matte. Falls ich dann nicht wieder zu spät bin….

Teile diesen Beitrag gerne mit der Welt da draußen.

🤘🏻 Willste mehr?

Ich verschicke keinen Spam! Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung

Martin Pesch

Martin Pesch - Blogger, Fotograf und Autor. Ruheständler mit Reiselust und Hang zu kreativen Eskapaden. Mit Beginn des Ruhestands habe ich nun Zeit und Lust mein Leben in Worte zu fassen. Früher war mehr Dia-Abend, heute mehr Blog.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert