Am Wochenende besuchten wir die Ausstellung Bau1haus von Jean Molitor in der Mischanlage auf Zollverein. Zollverein geht immer irgendwie. Zollverein? Kennze nicht? Dann wird’s aber mal Zeit.
Zollverein geht eigentlich immer
Früher war die Zeche Zollverein in Essen eines der wichtigsten Symbole der Ruhrindustrie: Kohleförderung, Kokerei, Schwerarbeit. Das große Zechensterben traf Zollverein 1986. Da half es auch nichts, dass Zollverein die größte Steinkohleförderanlage der Welt war, die täglich 12.000 Tonnen Kohle ans Tageslicht beförderte. Irgendwann war Schicht im Schacht. Ende der 50’er Jahre fing das allgemeine Zechensterben an. Eine Zeche nach der anderen wurde stillgelegt. Die meisten Zechen wurden abgerissen, das Gelände anderweitig genutzt. Die Kokerei folgte 1993.

m Nachhinein hatte die späte Schließung von Zollverein allerdings auch was positives. Man besann sich nämlich und folgte nicht der allgemeinen Abrisswut, sondern erhielt Teile der Anlage.
Auf dem über 100 ha großen Gelände sind heute noch erhalten:
- Schacht XII, dem Herzstück, mit Doppelbock-Fördergerüst
- Die Schachtanlagen 1/2/8 und 3/5/7/10
- Die wunderschönen historischen Verwaltungsgebäude
- Die Zentralkokerei mit der Mischanlage und den riesigen Koksöfen

Die Mischanlage ist ein 40 Meter hoher Bau. Darin: 12 Kohlebunker mit einem Fassungsvermögen von 1000 Tonnen Kohle. Jeder, der früher mit Kohle geheizt hat und mal ein paar Zentner in den Keller geschippt hat, kann sich ungefähr vorstellen, von welchen Dimensionen ich hier spreche. Der ganze Laden wurde nach Stilllegung umgebaut. Zwischendecken wurden eingezogen, Treppenhäuser installiert, ein Fahrstuhl gebaut – alles, damit man diese monströse Gebäude weiter nutzen kann.
Heute ist Zollverein ein UNESCO-Weltkulturerbe, Kulturort und Erinnerungsraum. Das Gelände beherbergt u.a. das Ruhr Museum, Ausstellungen, Kreativwirtschaft, Veranstaltungen und eine vorzügliche Gastronomie. Zollverein ist als Location ihm Rahmen der Nacht der Industriekultur und der Ruhrtrienale nicht mehr wegzudenken.

Jean Molitor sammelt moderne Architektur weltweit
In der Mischanlage fand also die Ausstellung von Jean Molitor statt. Jean Molitor stellt auch unter dem Namen „Rit Lomo“ aus. Bei dieser Ausstellung geht es allerdings nicht um klassische Architekturfotografie im engeren Sinn, sondern eher um eine fotografische Bestandsaufnahme der modernen Architektur auf der ganzen Welt.

Während der Führung wurde erwähnt, dass Molitor wohl seine Wurzeln in der Streetfotografie hat und Henri Cartier-Bresson zu seinen Vorbildern gehört. Das passt eigentlich auch ganz gut. In einem Raum hängt nämlich eine riesige Collage, die an alte Kontaktabzüge erinnert und überwiegend Szenen aus der Streetfotografie zeigt.

Der Eintritt zur Ausstellung funktioniert nach dem Prinzip „Was bin ich bereit dafür zu zahlen“. Einen klassischen festen Eintritt gibt es also nicht. Die Führung durch die Ausstellung, die ich unbedingt empfehlen würde, kostete bei meinem Besuch drei Euro. Zusätzlich kann man sich zu Beginn einen Katalog ausleihen, in dem erklärt wird, welche Gebäude auf den jeweiligen Bildern zu sehen sind.

Der Name der Ausstellung lautet „Bau1haus“. Im Grunde ist das keine Ausstellung, die einfach nur ein paar Fotos an die Wand hängt, sondern eher ein ständig wachsendes fotografisches Archiv. Quasi eine weltweite Bestandsaufnahme moderner Architektur. Angefangen hat Molitor damit bereits 2009. Wie sich das Projekt entwickelt hat, sieht man unter anderem auch in einer Videoinstallation, die zusätzlich den Aufbau der Ausstellung dokumentiert.
Warum Bauhaus nicht einfach „weiß und eckig“ bedeutet
Wer den Begriff Bauhaus hört, hat ja sofort eine bestimmte Art von Architektur vor Augen. Weiß. Klare Linien. Klare Formen. Man sieht ein Gebäude und denkt sofort: jau, könnte Bauhaus sein. So einfach ist es aber wohl nicht. Bauhaus bezeichnet ursprünglich erst einmal die Kunst- und Gestaltungsschule selbst, die 1919 von Walter Gropius gegründet wurde. Und nur weil etwas aussieht wie Bauhaus, ist es noch lange kein „echtes“ Bauhausgebäude. Es gibt da wohl Unterscheidungen zwischen Bauhaus, Bauhaus-Architektur, Bauhaus-Stil und klassischer Moderne. Vieles gehört eher zur klassischen Moderne oder wurde stark vom Bauhausstil beeinflusst. Dass das Bauhaus außerdem weit mehr war als nur Architektur, war mir vorher ehrlich gesagt auch nicht so richtig bewusst.

Und die Zeit, in der am Bauhaus tatsächlich gelehrt wurde, war erstaunlich kurz. Gerade mal von 1919 bis 1933, bis zur erzwungenen Schließung durch die Nationalsozialisten. Viele der Architekten und Künstler wanderten später aus und arbeiteten in anderen Ländern weiter. Wahrscheinlich erklärt das auch, warum es überall auf der Welt Gebäude gibt, die diesen Stil aufgreifen oder davon beeinflusst wurden.
Hättest du vermutet, dass es beispielsweise in Eritrea solche Gebäude gibt? Ich jedenfalls nicht. Oder dass Atatürk sich ein unfassbar schönes Strandhaus im Stil der Moderne hat bauen lassen, das stark an Bauhaus erinnert? Genau solche Orte und Gebäude sammelt Molitor weltweit fotografisch. Inzwischen hat er dafür wohl rund 70 Länder bereist.
Führungen machen. Aber auch wirklich.
Jean Molitor auf Zollverein: unbedingt hin, inkl. Führung versteht sich. Alleine schon die Location ist grandios. Ich bin jedes Mal schwerst beeindruckt. Naja – und die Fotos? Kann er. Das mit dem fotografieren. Und hinterher unbedingt umme Ecke vonne Mischanlage ins „deinKult Kokerei – Café“ lecker selbstgebackenen Kuchen essen. Die Kalorien brauchst du, wenn du hinter auf dem Gelände rumrennst. Ausstellungen sind nicht so dein Ding? Kein Thema. Komm trotzdem rum, machste ein paar Führungen mit, dann weißte Bescheid. In diesem Sinne – Glückauf.






