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Alltagsgeschichten

Die Trabrennbahn Gelsenkirchen: Eine Zeitreise zwischen Glanz und leisem Verfall

Am letzten Wochenende machte ich eine Zeitreise. Diese Reise brachte mich an einen Ort meiner Kindheit. den ich regelmäßig mit meinem Vater besuchte. Auch als junger Mensch war ich oft mit Freunden dort. Was ich jetzt dort vorfand, hat meine Vorfreude doch ziemlich getrübt.

Geschichten vom Pony: Sonntagsglück auf der Rennbahn

Die Trabrennbahn Gelsenkirchen war damals der einzige Ort, an dem ich als Stadtkind Pferden nahe sein konnte. Pferde waren für mich das Größte. Bei unseren sonntäglichen Spaziergängen musste mein Vater mir immer irgendwelche „Geschichten vom Pony“ erzählen. Tatsächlich schaffte er es auch jedesmal, sich Neue auszudenken. Und ein Pferd wollte ich natürlich auch haben. Keinen Hund, keine Katze. Ein Pony sollte es sein. Das Problem der Haltung eines Ponys in der Gelsenkirchener Innenstadt verdrängte ich elegant. Ich suchte sogar nach Lösungen. Bei uns im Hof könne es ja wohnen. Oder wir ziehen in eine Wohnung mit Balkon um. Das würde dann ja auch gehen. Was sich Kinder halt so ausdenken.

Die Rennen waren immer gut besucht. Sie waren das Highlight an den Sonntagen. Menschenmassen kamen zum kucken und wetten. Wettscheine pflasterten den Boden der Wetthalle und auch draußen. Fragten wir nett, erlaubte man uns einen Blick in die Stallungen. Für mich ein Traum.

Zweimarkfuffzig auf Platz: Das Erlebnis der ersten Wetten

Als junger Menschen eiferten wir den Erwachsenen nach. Mit der Clique ging es am Donnerstagabend zur Rennbahn. Der Eintritt war frei. Schnell die Wettzeitung gekauft, man musste ja irgendwie zum Ausdruck bringen, man wisse was man tue, dann die Wetten platziert. Zweimarkfuffzig auf Platz. Mehr war nicht drin. Egal, das Erlebnis zählte. Hatte man richtig getippt, gab es 2,90 oder 3,10. Immerhin. Stolz wie Bolle war ich auf jeden Fall. Echter Zocker halt.

Das alles sind nur noch Erinnerungen. Nichts von alledem ist übrig geblieben. Gefühlt wird alles nur noch mit minimalem Aufwand in Schuss gehalten. Ein verzweifelter Versuch, dem endgültigen Verfall so gut es geht entgegenzuwirken. Was früher DAS Ereignis am Sonntag war, zieht heute nur noch wenige Enthusiasten an. Keine Menschentrauben, die sich an der Bande vor dem Zieleinlauf drängen. Keine euphorischen Anfeuerungsrufe auf der Zielgeraden. Die Haupttribüne wie leergefegt. Keine Wettscheine die durch die Luft fliegen, weil man wieder mal falsch gelegen hat. Wie auch? Offensichtlich zieht es kaum noch jemanden zu den Rennen.

Die marode Bestuhlung auf der Tribüne erinnert an bessere Zeiten. Tausende Zuschauer fanden dort mal ihren Platz. Jetzt trifft man nur wenige Menschen an. Jeder auf seinem Stammplatz. Wie bei jedem Rennen. Daran ändert auch das beste Sommerwetter nichts. Die Stimme des Kommentators brüllt aus den Lautsprechern. Immer noch so, als müsse sie mit aller Macht gegen das Stimmengewirr der vielen Zuschauer ankämpfen. Zimmerlautstärke wäre jetzt die erste Wahl.

Gespenstische Stille unter der Haupttribüne

Eine Handvoll Zocker starrt konzentriert auf die Monitore im Wettbereich. Still werden Wettscheine ausgefüllt. Irgendwie emotionslos geht es dann zum Schalter, die Wette platzieren. Keine emotionalen Diskussionen, kein hektisches Gedränge am Schalter, um den Schein noch rechtzeitig abzugeben. Selbst zwei geöffnete Schalter sind schon fast einer zu viel. Gespenstische Stille, wenn nicht diese ohrenbetäubenden Lautsprecherdurchsagen wären.

Was bleibt, ist eine zwiegespaltene Zeitreise zwischen schönen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit meinem Vater auf der Rennbahn und der traurigen Erkenntnis, welche Entwicklung dieser ehemalige Publikumsmagnet genommen hat.

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Martin Pesch

Martin Pesch - Blogger, Fotograf und Autor. Ruheständler mit Reiselust und Hang zu kreativen Eskapaden. Mit Beginn des Ruhestands habe ich nun Zeit und Lust mein Leben in Worte zu fassen. Früher war mehr Dia-Abend, heute mehr Blog.

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