Die Radfahrerlandschaft zeigt auffälig oft das gleiche Bild, wenn Paare eine gemeinsame Radtour machen. Er vorne weg, sie hinterher. Ordnungsgemäß mit Helm, Fahrradoutfit und Warnweste ausgerüstet, geht es mit dem E-Bike auf Tour. Packtaschen fehlen ebenso wenig wie Spiegel, Navi, Halterung fürs Handy und Trinkflaschen. Er gibt vorne ordentlich Gas – weil ganzer Kerl – sie mit deutlichem Abstand hinterher, weil rasen ist nicht so ihr Ding.
Planung trifft auf weibliche Intuition
Bei uns gibt es Packtaschen aber kein Fahrradfahrerkostüm und auch keine Spiegel. Ich gebe zu, ich fahre auch oft vor. Das liegt dann daran, dass an meinem Lenker das Navi wohnt. Meine Frau will es nicht – daher wird’s bei mir drangezwickt. Helme werden gelegentlich getragen. Unsere Warnwesten liegen im Auto. Voll unvernünftig – ich weiß.
Normalerweise fahren wir aber nebeneinander. Aus Kommunikationsgründen. Passt aber nicht immer. Ich bin, was unsere Fahrradrouten angeht, der Planer. Wir überlegen, wo es hingeht, ich plane die Route bei Komoot und dann geht das auch schon los. Meine Frau tickt da ein wenig anders.
Sie setzt sich auf’s Rad, grobe Richtung reicht ihr. Irgendwie wird man irgendwo schon ankommen. Sollte sie doch mal ein Navi nutzen, heißt das noch lange nicht, dass man auch der vorgeschlagenen Route folgen muss. Denn, was weiß so ein blödes Navi schon.
Lissewege: Erwartungen vs. belgische Realität
Während unseres Aufenthaltes in Brügge machten wir eine Radtour nach Lissewege, diesem total romantischen, voll schönen weißen Dorf. Und die süßen weiß getünchten Häuser. Näää wat schön. Wir also hin. Was soll ich sagen – ein Dorf mit weißen Häusern halt. Also normalen weißen Häusern. Also nix besonderes. Normale, kleine weiße Häuser. Keine Ahnung, warum man da so einen Wind drum macht. Naja, ist auch egal. Wir haben uns die Kirche angeschaut, die übrigens total riesig ist. Völlig überdimensioniert für so ein kleines Dorf. Nachdem wir uns dann nochmal die voll schönen, weißen kleinen Häuser bekuckt hatten, beschlossen wir, weiter ans Meer zu fahren.
Ich also auf Google Maps geschaut und eine kurze Route ausgesucht. Ziel: Blankenberge. In einer halben Stunde wären wir dann am Meer. Wären wir ….
Die Navigationsfalle: über Seebrügge nach Blankenberge
Ich also vorweg, meine Frau hinterher. Ohne Helm und ohne Fahrradoutfit aber mit Packtaschen. Immerhin. Leider ging es eine Zeit lang an einer stark befahrenen Landstraße entlang und ich war froh, als das Navi sagte, ich solle links abbiegen Richtung Felder. Ich war noch nicht ganz umme Ecke, da vernahm ich von hinten: „Schaaaatz, rechts geht es nach Seebrügge.“ „Ja aber da wollen wir nicht hin.“ „Ja aber Seebrügge ist doch an der Küste.“ „Blankenberge aber auch.“ „Meinst du nicht, dass das kürzer ist?“
Was soll ich sagen? Ich falle immer wieder drauf rein. Immer wieder tappe ich in diese Navigationsfalle, die mir meine Lieblingsfrau, selbstverständlich ohne irgendwelche Hintergedanken, stellt. Einfach so. Spontan. „Meinetwegen. Wenn du meinst.“ sagte ich. Wir machten kehrt und fuhren den Schildern Richtung Seebrügge hinterher.
Die Strecke über die Landstraße war lang. Sehr lang. Wir hatten sehr lange, sehr starken Gegenwind. Eigentlich ständig. Und laut war es. So 40-Tonner sind echt ganz schön laut, wenn sie mit 100 Sachen an einem vorbei ballern. Und diese Sogwirkung beim Vorbeifahren. Hui – wie auf der Kirmes. Verzweifelt versuchte das Navi uns auf den ursprünglichen Kurs zu leiten aber unser Ziel war halt ein anderes. Eine wenig Mitleid hatte ich schon mit unserem technischen Assistenten.
Hafenromantik und Industriecharme in Belgien
Nach ein paar Kilometern, dem Straßenschild nach Seebrügge sei dank, bogen wir von der Landstraße ab und fuhren in ein Industriegebiet. Wahnsinn, was die hier für Fabriken haben. Und das Hafengebiet schließt sich direkt an. Irre, wie sie die Seecontainer auf diesen riesigen Lkw transportieren. Schade nur, dass es hier keine Radwege gibt. Da muss man schon aufpassen. Insbesondere, wenn man keinen Helm auf hat und keine Warnweste trägt. Schon beeindruckend, was da so los ist.
Nach einigen Kilometern durch Industrie- und Hafenanlagen kamen wir in Seebrügge an. Die vierspurige Hauptstraße, die Richtung Küste führte, zog sich echt hin. „Schaaaatz.“ hörte ich von hinten. „Meinst du, wir sind hier richtig? Wollen wir mal einen Blick auf die Karte werfen?“
Der Blick auf die Karte offenbarte – der Strand war noch einige Kilometer entfernt und der Weg hätte uns noch durch mindestens ein Hafen- und ein Industriegebiet geführt.
„Wenn’s recht ist, gebe ich jetzt wieder das alte Ziel in Blankenberge ein. Ist nur noch ein halbes Stündchen von hier.“ „Ja ich glaub das ist besser so. Hier kommen wir ja nie an den Strand.“
Das Fazit: Umwege erhöhen die Ortskenntnis
Nur mal so zur Erinnerung. Von Lissewege nach Blankenberge – 30 Minuten. Jetzt: von Lissewege nach Seebrügge: 40 Minuten. Von Seebrügge nach Blankenberge nochmal 30 Minuten. Macht zusammen: etwas über ein Stündchen. Egal – Radfahren hält fit und wir haben was gesehen.
Also ging es munter Richtung Blankenberge. Zum Glück jetzt mit Rückenwind. Nach ein paar Kilometern die Stimme aus dem Hintergrund … „Schaaaaatz, da war ein Schild – Küstenradweg. Wollen wir nicht da lang?“ Ich blickte mich nur kurz um und radelt einfach weiter. „Ok, ich sag nichts mehr.“
Tatsächlich erreichten wir noch am gleichen Tag ohne weitere Zwischenfälle die belgische Nordseeküste in Blankenberge. Was soll ich sagen. Voll hässlich da. Aber wieder ein Abenteuer mit meiner tollen Frau erlebt. Kann so ein Navi nicht bieten.



