Neulich las ich, dass das Leben ohne den Tod nicht zu haben sei. Dieser Spruch ist für unsere aktuelle Situation sehr passend. Denn im Moment wird um uns herum recht viel gestorben. Mit direktem oder indirektem Bezug.
Mir wird zunehmend bewusst, dass wir in einem Alter angekommen sind, in dem der Verlust geliebter Menschen rapide zunimmt. Man muss kein Hellseher sein, um zu erahnen, was uns in nächster Zeit bevorsteht. Meine Mutter ist 97, mein Schwiegervater 95 und meine Schwiegermutter 91 Jahre alt. Auch die Eltern unserer Freunde sind in einem ähnlichen Alter. Mich beschäftigt das schon, denn wenn alle diese Menschen gegangen sind, wer ist dann wohl der Nächste? Diese düsteren Gedanken will ich aber nicht zulassen. Wir haben noch viele Pläne und Träume, die wir verwirklichen möchten.
Am Freitag mussten wir uns tatsächlich die Beerdigungen teilen. Die Tante meiner Frau verstarb im stolzen Alter von 99 Jahren, während der Vater meines Freundes mit Mitte 70 verstarb. Man neigt ja dazu, in solchen Situationen zu sagen: „Für ihn oder sie war es besser so“, was in der konkreten Situation vielleicht auch zutreffen mag. So richtig kann ich mich mit diesem Spruch nicht anfreunden. Dient er doch in erster Linie dazu, die eigene Trauer zu lindern. Ob das tatsächlich gelingt, sei mal dahingestellt. Und was weiß ich denn schon, was das Beste für andere ist?
Die Anzahl der Trauergäste bei meinem Freund war recht übersichtlich. Eine Handvoll Nachbarn und ich. Immerhin mehr als bei der Beerdigung meines Vaters. Die Erinnerung daran ploppte natürlich sofort bei mir auf. Wir waren damals nur zu dritt. Meine Mutter, diese Frau, die ich seinerzeit irrtümlich heiratete und ich. Dieser Schwiegervater, den ich damals umstände halber dazubuchen musste, hielt es übrigens nicht für nötig, uns bei der Beerdigung zu begleiten. Dass wir nur so wenige waren, lag natürlich auch daran, dass mein Vater alle überlebt hatte und die, die noch lebten, waren körperlich nicht in der Lage zu kommen.
Dementsprechend kurz war die Beerdigung dann auch. Nach einem gemeinsamen Mittagessen nahmen wir meine Mutter noch mit zu uns nach Hause. Diese Frau hatte am gleichen Nachmittag aber noch einen Frisörtermin. Der durfte aber keinesfalls verschoben werden. Jeder setzt seine Prioritäten halt anders. Geschenkt! So verbrachten also meine Mutter und ich den Nachmittag am Beerdigungstag alleine.
Solche und andere Erinnerungen holen mich bei derartigen Ereignissen immer wieder mal ein. Und umso mehr wird mir dann bewusst, was für einen besonderen Menschen ich jetzt an meiner Seite habe.
Die beiden Beerdigungen hingen uns noch den ganzen Freitag und Samstag nach. Insbesondere die Beerdigung der Tante hat meine Frau emotional doch mehr mitgenommen als gedacht.
Tod, Gesang, Gelächter – und wie passt das nun zusammen?
Auch wenn uns die Beerdigungen auch am Samstag noch nachhingen – zu Hause sitzen und grübeln war keine Option. Bereits vor Wochen hatten wir Karten für eine Poetry Slam Veranstaltung hier im Forum gekauft. Natürlich wussten wir da noch nicht, dass diese Veranstaltung für uns genau zum richtigen Zeitpunkt stattfinden wird. Wir hätten auch zu Hause bleiben können. Sind wir aber nicht.
Es war diesmal ein wirklich besonderes und neues Format. Männerchor trifft Poetry Slam. Geht nicht? Geht doch! Und zwar ganz vorzüglich. Die Poetry Slammer trugen Texte, passend zu den Liedern des Velberter Männerchor, Ars Cantica Velbert , vor.
Da ich mich eher in der Metal- und Hardrockszene verorten würde, ist Chorgesang nicht unbedingt meine erste Wahl. Aber es hat hervorragend funktioniert. Die Idee dahinter: Die Musikstücke werden durch die Vortragenden mit eigens für diese Veranstaltung verfassten Texte interpretiert. Phänomenal. Perfekt organisiert wurde es wie immer vom Poetry Slamkreis Mettmann.
Wir hatten absolut keine Vorstellung davon, wie der Abend wird. Die ersten beiden Lieder und Texte waren sehr ernst und berührend und wir dachten schon: „Oh Gott, das kann ja was werden, wenn das so weiter geht.“ Die Schleusen waren schon fast geöffnet. Doch dann nahm alles so richtig Fahrt auf. Die letzten vier Stücke strotzten nur so vor Humor und legten bei uns den Schalter um. Zum Abschluss sangen alle, auch das Publikum, noch gemeinsam das „Bergische Heimatlied“. Also nicht alle. Mich will wirklich niemand singen hören.
Der Abend hat uns sehr gut getan. Es gab wie gewohnt nachdenkliche und humorvolle Texte und ein beeindruckender Chor. Es wurde sehr viel gelacht. Trauer und Freude sind keine Gegensätze, die sich ausschließen. Sie gehören einfach zum Leben dazu. Mit der Gewissheit, etwas Gutes für uns getan zu haben, fuhren wir erleichtert nach Hause.




11 Comments
Peter Lohren
Wenn jemand aus dem Dorf stirbt und es über den achtzigsten Geburtstag geschafft hatte, war und ist es üblich nach Kaffee und Kuchen ordentlich einen zu nehmen. Da wurde so manche Beerdigung mehr begossen als ein Geburtstag. 😊
Martin
Auf dem Dorf ticken die Uhren halt manchmal anders.
Sabine Krömer
Jede Beerdigung weckt Erinnerungen. Natürlicherweise werden es immer mehr.
Gelächter verscheucht die Erinnerungen und macht uns bewusst, dass wir noch leben. Ein Gefühl von Kostbarkeit macht sich breit. Noch leben wir. Das macht sowohl Erinnerungen als auch Trauer erträglicher. Gut, dass ihr euch Gutes getan und gelacht habt. Carpe diem.
Martin
Genau so ist das, Sabine. Danke dir…
Queen All
Das Leben gibt es nur mit beiden Seiten, Trauer und Freude. Wenn man es teilen kann, halbiert sich das eine und das andere verdoppelt sich. So abgedroschen das auch klingt, die Rechnung geht tatsächlich auf – wenn man nicht irrtümlich unterwegs ist 😄 So schön hat das noch keiner umschrieben!
Martin
Vielen Dank Vanessa ☺️
Britta Langhoff
Ich kann es Dir alles so gut nachempfinden. Sowohl die Trauer als auch die damit verbundenen Gedanken und den Wunsch, das Leben trotzdemzu genießen und weiter zu leben.
Einfach nur ein lieber Gruß zu Euch
Britta
Martin
Danke dir Britta ☺️
bahnwärterin
wohl wahr – der tod gehört zum leben.
auch wenn in dieser gesellschaft so getan wird, als gäbe es ihn nicht….. und am ende sind viele allein mit ihrer trauer.
mich beeindruckt immer sehr, wie andere kulturen mit dem tod ihrer lieben umgehen – sehr bewusst, ohne angst und mit grossen feierlichkeiten.
ihr habt das instinktiv richtig gemacht: die gemeinschaft gesucht und das leben gefeiert!
xxx
Julia
Mit Beerdigungen ist das immer so eine Sache. Manche wünschen sich einen Abschied mit vielen Leuten, andere möchten nur den engsten Kreis dabei haben.
Martin
Großveranstaltungen liegen mir auch bei Beerdigungen eher nicht.