Der Senf ist aus. Ich bevorzuge da ja eine ganz bestimmte Marke. Manch einer mag jetzt denken – wie jetzt? Eine bestimmte Marke? Senf ist Senf. Also der normale Senf, ohne irgendwelche zugesetzten Aromen. Stimmt vielleicht. Aber irgendwie hab ich mich auf diesen einen Senf eingeschossen. Erst gab‘s den nur in so einem Plastiktöpfchen, dann in Gläsern. Gut so. Plastik will man ja nicht mehr.
Als wir dann heute loszogen, um Nachschub zu besorgen, stellten wir fest, dass die Gläser derweil mit irgendwelchen Männekes aufgehübscht wurden. Wohl mit dem Ziel, Sammelbedürfnisse zu wecken und eine Tradition wieder ins Bewusstsein zu bringen, die, soweit ich weiß, seit Generationen ausgestorben ist. Leere Senfgläser werden nun nicht weggeschmissen. Fortan werden sie in Küchenschränken gehortet und finden in der zukünftigen Verwendung als Trinkgläser ihre neue Bestimmung.
So wie früher, zu meiner Zeit, also zur dunklen analogen Zeit, als unsere Eltern nichts wegwerfen konnten und neben Prilblumen auch Senfgläser gesammelt und wiederverwertet wurden. Das war damals ganz normal. Ich kenne das überhaupt nicht anders. Bei uns zu Hause wurde ausschließlich aus Senfgläsern getrunken. Aus leeren, versteht sich. Die bekamen alle eine zweite Chance. Und wir hatten nicht nur zwei oder drei davon im Schrank stehen. Nein, bei uns hätte gefühlt jeder ausse Straße inne Siedlung aus einem unserer Senfgläser trinken können. Hatten se aber nicht, weil die ja alle selbst genug Senfgläser in den Schränken hatten.
Und natürlich waren das alles unterschiedliche Gläser. Mal so richtig dicke Wämser, mal schlank, mal mit dickem Boden, mal mit dünnerem. Aber alle, wirklich alle, waren stabil.
Wenn ich so darüber nachdenke, komme ich nicht umhin zu fragen: Haben wir uns wirklich nur von Senf ernährt? Wie kommt man sonst an so viele Senfgläser? Ich vermute es mal.
Natürlich hatten meine Eltern auch richtige Gläser. Also andere Gläser als Senfgläser. Das waren so ganz ganz dünne. Mit merkwürdigen Gravuren. Die waren so dünn und so fein, die gingen schon vom ankucken kaputt. Nix für Kinderhände. Die waren nur für „Gut“.
Früher gab’s ja auch Klamotten für „Gut“. Für Sonntags. Zum Spazieren gehen. Immer in feine Pelle Schaufensterbummel machen. Oder im Stadtgarten. Immer mit dieser kratzigen Sonntagsbuxe und den guten Schuhen, mit denen ich nie gegen irgendwelche Dosen oder Steine kicken durfte. Gab gleich ein paar in den Nacken, wenn doch. Und Spazieren gehen. Was sollte das überhaupt? Hab ich nie verstanden. Haben nur Erwachsene verstanden.
Ich erinnere mich an ein Weihnachten. Da wurde Heiligabend natürlich mit dem guten Geschirr eingedeckt. Und natürlich auch mit den guten, zarten Gläsern.
Und dann passierte es. Statt, wie es sich gehört, zufrieden aus dem schönen Glas und nicht aus dem Senfbembel zu trinken, biss ich einfach mal ein Stück raus aus diesem dünnen Gläschen. Warum? Keine Ahnung – macht es Sinn Kinder immer nach dem „warum“ zu fragen? Ich glaube einfach, ich wollte mal wissen, was die Gläser so aushalten. Ob die auch so stabil waren wie die Senfgläser. Oder es hat kurz mal irgendwas ausgesetzt in dem Moment. Wer weiß das schon.
Jedenfalls blieb das nicht folgenlos. Ich hab mir dafür ausnahmsweise mal keinen eingefangen, dafür war auch wirklich keine Zeit. Ich hab nämlich ganz famos den fein gedeckten Tisch vollgeblutet. Selbstverständlich mit viel Schreierei. Versteht sich. Danach habe ich nur noch Senfgläser vorgesetzt bekommen. Immer.
Heute trinke ich aus diesen Ikea Humpen. Kennst du ja. Aber wenn ich mir jetzt dieses Senfglas so anschaue …




19 Comments
Susanne
Ach, was für wunderbare Kindheitserinnerungen. Die Sache mit den Senfgläsern und die mit den Gläsern und dem Geschirr „für gut“. So kenne ich das auch noch, das scheint in den Elternhäusern unserer Generation normal gewesen zu sein. Die Senfgläser hatten nur den Nachteil, dass sie nach mehrmaligem Spülen in der Spülmaschine helle Schlieren bekamen. Deshalb wurden die bei uns irgendwann aussortiert.
Martin
Ihr hattet eine Spülmaschine? Wahnsinn. Meine Eltern haben bis zum Schluss alles mit der Hand gespült. Immer im Boiler über der Spüle Wasser erhitzt, mein Vater hat gespült, meine Mutter abgetrocknet. Oder ich, wenn ich nicht schnell genug weg war.
Queen All
Kinder haben manchmal doch recht überzeugende Argumente. Ich hab wohl mal den Spinat-Babybrei über meine Mutter samt Wand hinter ihr verteilt. Rate, was ich danach nie mehr essen musste 😇
Die Senfgläser vermisse ich ein bisschen aber Senf ist eben nicht gleich Senf und solange es unsere Lieblingsmarke nur in Schraubgläsern gibt, müssen wir wohl weiterhin aus ganz langweiligen „normalen“ Gläsern trinken.
Martin
Eigentlich haben sich meine Eltern von meinen Eskapaden nicht überzeugen lassen. Nur das war denen dann wohl zu heikel.
Angela
Ach was! Ich dachte, das hätte nur mein Bruder gebracht, der hat auch aus den Senfgläsern der Sorte aus deinem Beitragsbild Stücke rausgebissen. Deswegen bekam er danach nur noch die kleinen Joghurtgläser, bei denen mir die Marke nicht mehr einfällt, wie so kleine Milchkannen. Die waren solide genug.
Ich dagegen habe dieses Jahr im Oktober eine Aussortieraktion gemacht und dabei sind auch ein paar Senfkristallgläser rausgeflogen. Ja, wir essen relativ viel Senf 😀
Martin
Oh an die dicken Gläser hab ich mich nicht angetraut. 😁
Anne
Ohhhh, an die Senfgläser mit den Motiven drauf erinnere ich mich auch noch gut. Wir hatten da bestimmt fünf oder sechs Stück von… und ja, wir haben tatsächlich immer viel Senf gegessen.
Ich habe seit frühester Kindheit die doofe Angewohnheit, an meinen Fingernägeln und der Haut daneben rumzupiddeln. Ich erinnere mich noch gut, wie meine Mutter – wohl irgendwann frustriert von wirkungslosen Ermahnungen – mir den extrascharfen Senf auf die Finger schmierte in der Hoffnung, dass mich das abschrecken würde. Was soll ich sagen, ich hab ihn abgeschleckt und nach mehr verlangt.
Abgesehen von den bedruckten Senfgläsern hatten wir damals auch ein eigentlich stinknormales Glas, auf das ich einen Aufkleber aus einer Cornflakespackung kleben durfte… der Aufkleber änderte die Farbe, wenn man ein kaltes Getränk einfüllte. Die Highlights der frühen 90er!
Martin
Das mit den Aufklebern aus den Cornflakespackungen kenne ich überhaupt nicht. Aber das war ich aus dem verrückten Alter lange lange rausgewachsen. Oder sagen wir mal so, anders verrückt.
Lizzy
Früher gab‘s ja auch noch Senfeier! Da kommt was an Gläsern zusammen. Wenn schon nostalgisch, dann fällt mir natürlich sofort ein, wie aus Senfsoße und Kartoffelpüree – erst von mir und meinen Geschwistern, dann von meinem Sohn und der Folgegeneration – Vulkane mit Senfsoßenlava gebaut wurden … Wieso habe ich das für meine Enkel eigentlich nie gekocht? 🤔
Spülmaschine hatten wir auch nicht und ich auch erst im mittleren Erwachsenenalter die erste besessen. Seitdem allerdings nicht mehr ohne … und im Schrank lichtet sich das Senfkristall deutlich aber diese kleinen Puddinggläschen .. die sind der Renner für alles mögliche. Bei mir gibt’s bei Geschirr grundsätzlich totales Durcheinander. So richtig “fein” eher nicht – keine Rausbeiß-Gefahr. Sogar die Stielgläservarianten (gerne und oft auch antialkoholisch aufgefüllt und von den Kids genutzt) sind eher von der robusten Discounter-Angebots-Sorte.
Ikea-Humpen? Zeig’ mal … kenne ich vermutlich, hab’ aber kein Bild im Kopp dazu.
Martin
Na die Dinger.
Vulkane mit Senfsoßenlava … jau hab ich mir gemerkt 😁
Das filigrane Zeugs ist für uns nix. Dafür sind wir zu grobmotorisch sag ich mal. Da geht schon mal schnell was kaputt. Aktuell nutzen wir das Hochzeitsgeschirr und das Hochzeitsbesteck meiner Frau. Wird vom rumliegen auch nicht besser. Aber von der Nutzung auch nicht. Egal. Und überhaupt. Wieso lässt man sich so einen Unfug überhaupt schenken. War früher wohl so.
Lizzy
Danke!
Nun hast du mich auch noch zu einem eigenen kleinen nostalgischen Schreiberguss animiert …
https://lizzyschreibt.blogspot.com/2025/11/von-messern-gabeln-und-einer.html
bahnwärterin
süsse geschichte – mein bruder hat auch mal so ein zartes limonadenglas zerbissen – götter sei dank nicht an weihnachten – sonst hätte man meine mutter in die psychatrische einliefern müssen 😀
bei meiner oma bekamen wir kinder unseren sirup-mit-wasser in den plastebechern vom bauzener senf – die hatten ganz scharfkantige ränder……
nach der wende gabs diesen senf in gläsern – sehr schick im whiskeyglas-kristalldesign 😀 da ich garnicht soviel senf gegessen habe, aber die gläser cool fand, war ich happy als mein trödler eine ganze stiege davon anbot – also leer und abgewaschen.
25jahre später bin ich auch bei „ikea humpen“ – aber in pastellfarben – hui.
jetzt hab ich lust auf französischen senf……..
xx
Martin
Also gefühlt hat irgendwie jeder oder eines der Geschwister mal irgendwas an Gläsern zerbissen. Sehr interessant. Meine Eltern waren eigentlich recht schussfest, was meine Eskapaden anging. Ich hab immer ordentlich für Unterhaltung gesorgt.
Seit ich Bauzener Senf entdeckt hab, kommt mir eigentlich nix anderes mehr ins Haus. Und Nudossi☝🏻 Gaaanz famoses Zeugs.
Britta Langhoff
Wir hatten auch diese Senfgläser und ich fand sie damals furchtbar. Niemals hätte ich sie später aufgehoben, nein – die kamen fein in den Glas-Container.
Dann bekamen wir unser Boot, der Vorbesitzer verkaufte es mit „Pott und Pann“ , spricht mit Küchen-Interieur. Und was fand ich ganz hinten im Kombüsenschrank? Richtig – die Senfgläser. Mein erster Instinkt war, damit gehe ich sofort zum nächsten Glas-Container. Es gab nur keinen erreichbar gerade, also hab ich sie erstmal drin gelassen. Und was soll ich sagen? Die Dinger sind unkaputtbar, die sind mir schon über Deck geschliddert und nicht ein Sprung drin. Ich hab sie also behalten und benutze sie ganz nostalgisch :)) So kann es gehen.
Martin
Beim Schippern und beim Campen brauchste was stabiles. Aber bloß kein Plastik. Das hasse ich wie die Pest. Verstehe überhaupt nicht, wieso die Leute das machen. Wir tafeln in Emaille. Ist leicht und unkaputtbar. Ich liebe z.B. unsere Petromax Kaffekanne. Die kann zum Kaffee kochen direkt ins Feuer. Herrlich….
Frank
Hallo Martin!
Erinnerungen aus Glas, vielen Dank für deinen Beitrag. Von Ikea-Gläsern bis zu Bechern kann ich auch ein Lied singen. Doch die tiefsten Erinnerungen habe ich durch die Senf-Gläser bei der Familie meines Jugendfreundes. Mit sieben Kindern wurde jedes Glas gebraucht.
Schönen Samstag
Frank
Martin
Oh das kann ich mir vorstellen. Bei sieben Kindern haste ordentlich Glasbruch 😁
Lony
Oh Mann, Martin, Du hast mich mit Deinem Beitrag sowatt von in meine Kindheit versetzt! Bei uns war es ganz genau so! Überall Senfgläser im Schrank – natürlich auch in unserem alten Wohnwagen im Sauerland, wo wir unsere halbe Kindheit (sehr glücklich!!!) verbracht haben. Ach was vermisse ich diese Zeiten!…. hab ne schöne Woche!!! LG Lony x
Martin
😂 Senfgläser … überall, echt unglaublich. Jeder hatte die … vielleicht kann ich damit ja nen Trend bei TikTok lostreten 🤪 Ach besser nicht 😆