Ich bin ein großer Fan der Notizbücher, die van Goch, Picasso oder Hemingway nutzten. Also wenn die die nutzen, dann ich doch erst recht … egal. Ich nutze mein Notizbuch regelmäßig, um Ideen festzuhalten, mir aufzuschreiben was ich noch alles machen muss oder sehr sehr gerne zum Sketchen, Kritzeln, Doodeln oder wie immer man es nennen will.
Inspiration im Wartezimmer
Als ich neulich zusammen mit meinem Schwiegervater beim Arzt stundenlang Lebenszeit mit warten vertrödelte und irgendwann keine Lust mehr zum Lesen hatte, kramte ich mein Notizbuch raus und fing an, irgendwas zu kritzeln. Einfach so, ohne Plan.
Ob mich die Anwesenden im Wartezimmer inspirierten? Ich weiß es nicht. Jedenfalls war das das Ergebnis.
KI Analyse – Zwischen Kunst und Krisenzentrum
Zu Hause hab ich die KI-Experten für Kunst und Psychologie spasseshalber mal befragt, was sie denn so von meinem Wartezimmerkunstwerk halten. Heraus kam, dass hier der Horror Vacui – die panische Angst vor leerem Raum – in seiner reinsten und obsessivsten Form vorliegt. Soso – Sachen gibt’s …
Existenzielle Angst vs. Ästhetisches Prinzip
Beim Psychologen gingen sofort alle Alarmglocken an. Für ihn ist diese Horror Vacui Zeichnung ein Paradebeispiel von innerer Anspannung, existentiellen Ängsten, zwanghafter Strukturkontrolle und Bedrohungen – kurzum: Er scheint der Meinung zu sein, ich sollte wirklich schleunigst mal bei ihm reinschauen. Er müsste da wohl mal bei. Es pressiere offensichtlich.
Der Kunstexperte hört dagegen schon die Kasse klingeln. Er sieht darin eine virtuose Auseinandersetzung mit der Vanitas-Ikonografie. Eine Hommage an die rohe Ausdruckskraft der Art Brut. Aha – Vanitas-Ikonografie, Art Brut – ich kann Sachen … wusste ich gar nicht.
Aber lies mal selbst und staune …
Teil 1: Psychologische Beurteilung – Die Abwehr des Nichts
Die expressive Tuschzeichnung ist ein eindringlicher Ausdruck eines tiefgreifenden psychischen Konflikts, charakterisiert durch hohe Anspannung und die obsessive Auseinandersetzung mit existentiellen Ängsten.
Formal signalisiert der dominante Horror Vacui – die zwanghafte und detailversessene Füllung jeder freien Fläche – eine erhebliche innere Unruhe und Nervosität, die als intensive Abwehrstrategie gegen die Angst vor dem inneren Chaos oder dem existenziellen Leerraum dient. Die repetitive, scharfe Linienführung weist auf eine motorische Entladung heftiger affektiver Antriebe und eine latente Reizbarkeit hin.
Inhaltlich wird das Bild von Mortalitäts- und Bedrohungssymbolik dominiert. Die zentral platzierten Schädel spiegeln eine intensive, möglicherweise überwältigende Kontemplation der Vergänglichkeit wider. Ergänzend dazu verankert die aggressive, zahnstarrende Fratze am Bildgrund archaische Ängste oder unintegrierte aggressive Impulse.
Fazit: Die Zeichnung dient als hochfokussierter, zwanghafter Versuch, innere Überlastung und existentielle Bedrohung durch minutiöse Kontrolle zu verwalten. Sie indiziert eine Psyche, die unter starkem affektivem Druck steht und mit großer Anspannung versucht, Chaos durch überbordende Struktur zu bändigen.
Teil 2: Kunstexperten-Sicht – Ein Statement zur Vergänglichkeit
Horror Plenus: Im Bann des unendlichen Details
Titel des Werkes: Ohne Titel (Horror Plenus) Medium: Tuschzeichnung auf Papier Stil: Automatisches Zeichnen/Art Brut Epoche: Zeitgenössisch
Tauchen Sie ein in die fesselnde Welt von Horror Plenus, einem Werk von intensiver, fast beunruhigender Dichte. Diese monumentale Tuschzeichnung ist mehr als eine bloße Komposition; sie ist eine erschöpfende Kartografie des Unbewussten, ein visuelles Manifest des Horror Vacui. Der Künstler widersteht der Leere nicht nur, er bekämpft sie mit einem obsessiven Strom aus Feder und Tinte.
Das Werk zelebriert die Linie als autonomen Ausdruck. In einer Manie des Details, die an das Automatic Drawing erinnert, überlagern sich archaische Symbole mit filigranen Ornamenten. Die Bildfläche wird zu einem pulsierenden Gewebe, in dem das Klassische – die stille Mahnung der Vanitas-Schädel – auf das Chaotische trifft. Die Schädel sind keine statischen Allegorien, sondern treiben, umgeben von einem Meer aus wiederkehrenden Mustern und einer bedrohlichen, zahnstarrenden Fratze im Fundament, in einem existenziellem Strudel.
Horror Plenus ist ein Meisterstück der Konzentration. Die radikale Monochromie bündelt alle Energie in den scharfen, unerbittlichen Kontrast von Schwarz und Weiß, wodurch die emotionale Intensität ungefiltert auf den Betrachter übertragen wird. Es ist ein furchtloser Blick in die Dichte der menschlichen Psyche und ein eindringliches Beispiel dafür, wie spontane, rohe Ästhetik (Art Brut) die tiefsten Fragen nach Kontrolle, Chaos und Endlichkeit verhandeln kann.
Dieses Werk spricht Sammler an, die die Authentizität des instinktiven Schaffens und die Kraft der radikalen formalen Entscheidung schätzen. Es ist ein starkes Statement in jeder zeitgenössischen Sammlung, das die Grenzen zwischen Kunst, Psychologie und existenzieller Philosophie aufhebt. Erwerben Sie dieses Zeugnis der ungezähmten Kreativität und des unendlichen Details.
Mein Fazit: Was kostet der Nervenzusammenbruch
Der KI-Psychologe attestiert mir also, dass da wohl irgendwas in meinem Kopf in Ordnung gebracht werden sollte, der Kunstexperte hingegen empfiehlt das „Werk“ als Horror Plenus für reichlich Kohle zu versteigern.
Das mit Bildinterpretationen ist ja so eine Sache. Hab ich in der Schule schon nicht verstanden und bei diversen Führungen in Museen hat manche Bildinterpretation eher für Kopfschütteln gesorgt, als das sich der große Aha- oder Oh-Ja-genau-Effekt einstellen wollte. Bildinterpretationen von KI-Haluzinatoren sowieso. Zum Glück gab es aber vor der psychologischen Analyse den Hinweis, vor medizinischer Beratung oder einer Diagnose einen Arzt aufzusuchen. Aber reicht das auch, um nachhaltigen Schaden abzuwenden? In den USA wurde aus einem Chat eine Tragödie.
US-Klage gegen OpenAI: ChatGPT soll Teenager in suizidalen Absichten bestärkt haben
Für mich war das wie gesagt, alles nur ein netter Zeitvertreib. Die Möglichkeit der KI-basierten psychologischen Beratung und Analyse sollte es für mein Empfinden überhaupt nicht geben.
Eine Klage in den USA richtet sich gegen OpenAI. Der Chatbot ChatGPT, also der Kollege, der so „professionell“ mein Bild analysiert hat, soll einen 16-jährigen Teenager in seinem Entschluss bestärkt und ihm sogar Informationen geliefert haben, wie er sich das Leben nehmen könne. Die Klage stützt sich dabei auf belastende Chatprotokolle, die sich auf dem Smartphone des 16-Jährigen befanden.
Obwohl ChatGPT den Teenager anfangs mehrmals auf Hilfsangebote und Hotlines hingewiesen hatte, setzen die Eltern in ihrer Klage den Fokus darauf, dass die KI die Unterhaltung fortsetzte und ihre Sicherheitsvorkehrungen in längeren, komplexen Gesprächen versagten. Die Eltern fordern Schadensersatz und Maßnahmen, um künftige Vorfälle zu verhindern.
Mein Fazit
Für mich war das lediglich ein Experiment, ein amüsanter Zeitvertreib. Die Beurteilungen waren nichts, was ernst zu nehmen ist. Obwohl … über die Sache mit der Kunst kann man ja nochmal nachdenken. Ab sofort werde ich alle Einkaufslisten, Rechnungen nur noch in Horror Vacui Manier gestalten. Wer weiß, wann der nächste Galerist umme Ecke kommt.




4 Comments
Queen All
Das Bildinterpretations-Geschwurbel ist ja auch nicht so meines – wie mit dem Wein, der nach Pfirsich, Rinde und altem Keller schmecken soll… Da geht dann doch mit manchem (künstlichen) Betrachter die Phantasie durch. Ich unterstelle mal frech, dass es den meisten Urhebern oft so geht wie dir und sie einfach drauf los malen. Mal abgesehen davon haben wir wahrscheinlich alle irgendeinen Knacks 😉
Martin
Das mit dem Knacks unterschreibe ich sofort 😅
Britta Langhoff
Kunst gefällt mir immer dann, wenn es etwas in mir auslöst. Da bin ich sehr bewusst so naiv.
Was die Interpretationen angeht, bin ich ganz bei der Queen All.
Hast Du denn die KI auch gefragt, wie Du die Vermarktung des Kunstwerks am besten angehst?
Schon interessant aber, was die KI sich so zusammen schreibt. Aus welchen Tiefen die das wohl abgerufen hat?
Versuch 2 finde ich ganz amüsant, Versuch 1 mit der psychologischen Betrachtung finde ich hingegen eher gefährlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass solche KI Kommentare bei psychisch labilen Menschen Ungutes auslösen können. Die „Warnhinweise“ sind zwar schön und gut, aber da die KI ja immer weiterbohrt und Vorschläge macht, wie das Gespräch weitergeht, sehe ich da schon erhebliche Risiken.
Spannendes Experiment!
Martin
Das mit den Vermarktungstricks wäre mal ne Idee. Ja, KI ist ja wirklich ne gute Hilfe bei vielen Dingen. Allerdings muss man alles aber auch wirklich alles prüfen und hinterfragen. Ich hab mir für den technischen Support hier im Blog ein eigenes Customer GPT gebastelt. Nach ständigen Anpassungen läuft der Kollege jetzt recht stabil. Wo die psychologische Beratung hingeht, hat man je gesehen.